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/death/null: Ein Datenfriedhof für die Netzgemeinde

19.03.2012 ·Autor: · Veröffentlicht in Aus dem O'Reilly-Briefkasten, Geekiges

Vor einiger Zeit wurden wir auf ein Netz-Kunstprojekt aufmerksam gemacht:

/death/null widmet sich genau der Frage, die sich viele von uns schon gestellt haben: Wohin mit Dateien, die man nicht löschen mag oder kann, über die man aber auch einfach nicht mehr länger auf dem heimischen Computer stolpern will. Oder denen man ein Denkmal setzen will. Oder die man mit voller Inbrust zerstören will. Oder. Oder. Oder: Das eigentliche Ziel des Projekts ist individuell – und das soll es auch bleiben. Mehr Einzelheiten dennoch – hier im Interview mit dem Datenbestatter und Netzkünstler Ulf Schleth:

Herr Schleth, was genau verbirgt sich hinter dem Projekt /death/null?

/death/null spielt auf mehreren Bedeutungsebenen mit der Lebensdauer von Daten. Dieses Spiel hat auch politische Komponenten, aber der Grundgedanke war ein romantischer: Da ist dieser Liebesbrief auf Deiner Festplatte, den Du vor 15 Jahren mal angefangen und nie fertig geschrieben hast, der gewandert ist vom C64 auf den Windows-PC, dann auf den Mac und jetzt schon eine ganze Weile auf Deinem Linux-Fileserver liegt. Du traust Dich nicht, ihn zu löschen, weil Dein Herz daran hängt, andererseits willst Du endlich mit Deiner Vergangenheit abschließen. Du willst ihn löschen, aber nicht vergessen. Genau das kannst Du auf /death/null tun: Ihn beerdigen. Ihm eine letzte Ruhestätte geben.

Und das funktioniert natürlich nicht nur mit Briefen. Die Besucher laden auch Bilder hoch, Musikdateien und kurze Filme. Aus all diesen beerdigten Dateien ist im Laufe der Zeit nun ein Gesamtkunstwerk von Friedhof entstanden, der den Frust und die Lust der Dateieigentümer an allem zum Ausdruck bringt, das sich in Dateien packen lässt.

Blick auf den Datenfriedhof - die bunten Farbmosaike laden ein, die Namen der Dateien zu studieren aus denen sie entstanden

Wie eine Besucherin schreibt, lohnt sich ein Spaziergang auf dem Friedhof. Die Namen der Dateien lösen Gedanken aus: Warum wurde wohl diese Datei beerdigt? Hatte ich nicht auch einmal eine Datei namens oekotest_laeuse.pdf? Was genau ist den Eigentümern durch den Kopf gegangen, die moral.pdf und notepad.exe beerdigt haben? Damit ist die Vielschichtigkeit von /death/null aber bei weitem noch nicht abgedeckt. Ein paar Anregungen für weitere Verwendungsmöglichkeiten finden sich in dem ausführlichen „about“-Text.

Ich habe den Eindruck, mit Dateien – da rede ich noch nicht einmal von Daten – wird allgemein nicht sehr pfleglich umgegangen: Sie werden erstellt, kopiert und schließlich irgendwann gelöscht. Warum sind sie in Ihren Augen so beachtenswert, dass Sie ihnen einen Friedhof widmen?

Das Erstellen, Kopieren und Löschen natürlich das, womit sich /death/null hintergründig beschäftigt. Damit, was Begriffe wie Kopie und Original in der digitalen Welt noch bedeuten. Damit, was bestimmte Dateien in unser Welt bedeuten und natürlich, allem voran: Das Recht eines jeden Individuums auf seine Daten. Ein Recht mit dem Datenkraken wie Google, Facebook und Konsorten sehr, sehr nachlässig umgehen. Um nicht zu sagen, dass sie es gezielt untergraben.

Das möchte ich kritisieren. Dateien mögen langweilige Dokumente sein oder großartige Ideen enthalten, die dann doch nicht durchgeführt werden, eines ist ihnen gemein: Sie sind Artefakte unser Kultur. Sie zeigen, was uns beschäftigt, was uns wichtig ist und was wir verabscheuen. Das möchte ich deutlich machen. Und dabei dem Besucher die Möglichkeit geben, seinen eigenen Artefakten ein Denkmal zu setzen.

Wie funktioniert /death/null – was passiert, wenn ich eine Datei bei Ihnen hochlade?

Die hochgeladenen Daten werden in das mythische Nulldevice /dev/null des Servers gestreamt und aus dem Datenstrom wird für jede Datei ein individueller Grabstein in Form einer Grafik erstellt, den man jederzeit wieder auf dem Friedhof besuchen kann. Beerdigt wird natürlich nur die hochgeladene Kopie. Die Kopie auf dem Rechner des Dateieigentümers kann er selbst löschen, wenn ihm danach ist. Wer auf dem Laufenden gehalten werden möchte, kann den Beerdigungen per RSS Feed oder Facebook-Seite beiwohnen.

Die Datei selbst wird also zerstört. Ist das Projekt damit nicht nur ein Ort des Gedenkens an alte Schriftstücke, sondern auch eine Möglichkeit, ungeliebte Unterlagen leidenschaftlich zu schreddern – eine Art digitaler Aktenvernichter?

/death/null ist das, was du möchtest, das es ist. Du kannst Deine überflüssigen Ideen beerdigen, das Bild Deiner geliebten längst verstorbenen Großmutter, das bisher auf dem Desktop lag und plötzlich wieder ganz ohne Melancholie arbeiten. Und natürlich auch Akten vernichten. Was auch schon verschiedentlich getan wurde. Auf dem Friedhof finden sich auch Kündigungen, Hartz IV Anträge und Umgangsvereinbarungen. Was mich erstaunt ist, dass sich die /death/null – Besucher Gedanken zu machen scheinen darüber, was sie beerdigen wollen, ich habe mit einem viel wahlloseren Friedhof gerechnet.

Gibt es Bestattungsideen über das Web hinaus?

Es gibt noch viele unverwirklichte Ideen – z.B. den Dateien eine Beerdigung im Wasser oder im All zu ermöglichen, oder sie in greifbare Materie zu konvertieren um so auch herkömmliche Begräbnisse arrangieren zu können.

Herr Schleth, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Wer das Projekt unterstützen möchte ist herzlich dazu eingeladen, dies über flattr zu tun.

 

2 Kommentare zu “/death/null: Ein Datenfriedhof für die Netzgemeinde”

  1. […] für ein bisschen Kunst im oreillyblog. Nachdem wir im März bereits das Pixel-Invaders- und das /death/null-Projekt vorgestellt haben, ist heute der Gedankendreher an der Reihe. Was ist der Gedankendreher? […]

  2. […] Kunst oder Politik ist, wurde nicht zuletzt in diesem Blog schon mehrfach widerlegt (z. B. hier, hier, hier – und natürlich am vergangenen Dienstag). So war ich dann auch nicht überrascht, als […]

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