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Invasion der Pixel Panels: ein Gespräch über Retrografik, Open Hardware und die Begeisterung für bunte Bastelprojekte im Großformat.

05.03.2012 ·Autor: · Veröffentlicht in Bücher, Geekiges

„Cooles Zeug. Wegweisend. Aber wer hat bitte die Zeit und den Nerv, sowas zu bauen?” Das waren die Gedanken, die mir beim ersten Durchblättern der Open Hardware- und Make-Titel von O’Reilly kamen. Heute, ein halbes Jahr später, weiß ich, dass es eine Menge ambitionierte Bastler da draußen gibt. Sonst wären Bücher wie „Die elektronische Welt mit Arduino entdecken“ kaum aus dem Stand zum Bestseller avanciert.

Um unser Physical-Computing-Programm und die Szene ein bisschen zu feiern, habe ich mich mit dem Schweizer Softwareentwickler und Lichtinstallationstüftler Michael Vogt a.k.a. Michu unterhalten, der bereits seit mehreren Jahren mit Begeisterung an der Schnittstelle von Kunst und IT operiert. Sein Projekt PixelInvaders ist ein Paradebeispiel für die erstaunlichen Einsatzmöglichkeiten von günstigen Mikrocontrollern und Programiersprachen mit Grafik/Animationsschwerpunkt.

Michu, woher rührt deine Faszination für Lichtinstallationen, Pixelgrafik und Physical Computing?

Lichtinstallationen faszinieren mich, weil damit sehr ästhetische Animationen möglich sind. Eine langweilige weiße Wand wird plötzlich interessant, man kann seinen Blick kaum abwenden. Pixelgrafik liebe ich, weil ich wohl ein Nerd bin, und weil sie das Gegenteil zu aktuellen Techniktrends wie z.B. HDTV darstellt. Sie ist “back to basics“. Mir gefällt das Zitat von Goethe: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“. Und Physcial Computing? Das ist eine Chance für Nerds, den “Normalos” zu zeigen, was man eigentlich so macht und kann. Bei ansprechenden Resultaten finden die Leute das interessant und cool.

Dein erstes größeres Projekt war 2010 eine RGB-LED-Matrix. Hier ein kurzes Video davon:

Wie und womit hast du das Ding gebaut, und wie lange hast du dafür gebraucht?

Ich habe 64 RGB-LED auf ein Foamboard montiert, also ein Brett aus plastifiziertem Kunststoff. Die einzelnen Leuchtdiode habe ich dann mit jeweils vier Kabeln an ein Rainbowduino-Board angeschlossen. Ingesamt mussten also 256 Kabel verbunden werden, das war ein riesiger Aufwand und hat mehr als 20 Stunden gedauert. Zusätzlich habe ich auch selber eine Firmware geschrieben, die alle meine Bedürfnisse befriedigt. Der Grund für dieses Projekt war übrigens der damalige Seeed Studio Contest. Damit hat alles begonnen. Um das Projekt auch für andere Leute (mit weniger Zeit) attraktiv zu machen, machte ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten, den Aufbau zu beschleunigen.

Und du bist auch fündig geworden…

Ja, in Form von LED-Modulen. Jedes davon beherbergt drei LED und einen Controller-Chip, der sie ansteuert. Die Module können im Bus-System verbunden werden, sodass ich zum Schluss nur noch vier (!) Kabel hatte (V+, Gnd, Data und Clock), die zu meinem (Arduino-komtabilen) Teensy-Board führten.

Es gab aber noch ein paar technische Hürden, oder?

Genau… ich musste z.B. die nervige Latenz überwinden. Mehr Details dazu gibt’s in meinem Blog unter:
http://neophob.com/2011/04/serial-latency-teensy-vs-arduino
http://neophob.com/2011/05/serial-library-rxtx-v2-2pre5

Schließlich hast du auch noch eigene Steuerungssoftware geschrieben und perfektioniert…

Die Steuerungssoftware, mit der ich meine “PixelInvader”-Panels steuere, heißt “PixelController”. Sie ist in Java geschrieben, verwendet aber auch Processing-Bibliotheken. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis alles ausgereift war und die Panels optimal angesteuert werden konnten. Kombiniert wurde das Ganze übrigens mit Pure Data Extended. Das ist eine visuelle, offene Programiersprachen, die von vielen Multimediakünstlern verwendet wird. Pure Data hat u.a. den Vorteil, das man das GUI leicht verändern und das Frontend auch ohne Programierkentnisse erweitern kann.

Und was kann die Software so alles ?

Die wichtigsten Komponenten sind wohl der Generator, die Effektmaschine und der Mixer. Wie der Name schon sagt, generiert der Generator zunächst den Inhalt einer Animation, z.B. ein Pixelmännchen, ein virtuelles Feuer, vergrößerten Text etc. Mit der Effektmaschine kann man das Ganze dann invertieren, einfärben, spiegeln…also ordenlich aufpeppen. Der Mixer sorgt schließlich für interessante bis abgefahrene Kombinationen der bereits verfremdeten Animationen.

Diese Bildreihe sagt mehr als 1000 Worte:

  • Oben links: Reguläres Pixelmännchen.
    Oben rechts: Pixelmännchen mit horizontalem Spiegeleffekt.
  • Unten links und unten rechts: Reguläre Plasmasonne.
  • Ganz rechts: Mix aus gespiegeltem Pixelmännchen und Plasmasonne.


Das muss ich dringend mal live ausprobieren. Aber kommen wir zu den Eingabegeräten: Da gibt’s mehrere Optionen, mit deinem Panel zu interagieren…

Genau. Das Spielen und Experimentieren findet entweder direkt am Rechner statt oder mithilfe eines Midi-Geräts. Oder – das ist relativ neu – mit einem Tablet:

Jetzt mal für die Obernerds: Wie funktioniert das?

Das geht vor allem dank OSC. OSC ist, einfach gesagt, ein netzwerkfähiges MIDI-Protokoll, das mittlerweile auch Einzug auf Smartphones gefunden hat. Um mein PixelPanel zu steuern, installiert man eine OSC-App, lädt ein Standardinterface, das sich natürlich auch verändern lässt… und kann loslegen: Pure Data empfängt die OSC-Daten, wandelt sie um und leitet sie weiter an meine PixelController-Appilkation. Diese Art der Steuerung eröffnet ganz neue Horizonte.

Weg von der ganzen Technik und hin zur Kunst bzw. zur Austellung der Panels. Wo kann man deine Installationen ausprobieren? Haben Museumsleute schon Interesse signalisiert?

Die erste Installation war bei den Schweizer Demo Days zu sehen. Dort standen zwei Panels und ein MIDI-Controller. Die Besucher hatten eine Menge Spaß, denke ich… Auch bei der Bit’em Up Party in Bern gab’s zwei Panels, dort allerdings mit vorprogrammierten Visuals, d.h.: nicht interaktiv. Außerdem hab ich die PixelInvader bei einigen privaten Veranstaltungen aufgestellt. Falls jemand Interesse haben sollte: Bitte melden!

Michu, vielen Dank für die Vorstellung deiner tollen Projekte.

Für alle, die nun richtig Lust auf Basteln, Stöpseln und Programmieren haben bzw. der neue Nam June Paik werden möchten, gibt’s hier noch mal die Links für unsere Standardwerke zum Thema:

 

 

Ein Kommentar zu “Invasion der Pixel Panels: ein Gespräch über Retrografik, Open Hardware und die Begeisterung für bunte Bastelprojekte im Großformat.”

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