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Die dunkle Seite der Gadget-Gesellschaft oder: Wie Smartphones (endlich) grüner und fairer werden könnten

14.03.2013 ·Autor: · Veröffentlicht in Technologie

makeitfair1Smartphones, Tablets und Laptops werden immer schicker, leistungsfähiger und erschwinglicher; multifunktionale Gadgets für Hosentasche und Rucksack sind mittlerweile für unter 100 Euro zu haben. Das ist schön, wird so doch einer Vielzahl von Menschen der unkomplizierte Eintritt ins (soziale) Web ermöglicht, mit all seinen bunten Möglichkeiten und Herausforderungen. Absolut unschön allerdings: Die Geräte sind u.a. deswegen so günstig, weil sie unter für Mensch und Umwelt katastrophalen Bedingungen hergestellt werden. Rohstoffe kommen aus afrikanischen Krisengebieten, geschraubt wird irgendwo in Asien, bei Niedrigstlöhnen und mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen. Die Initiative makeITfair möchte dem etwas entgegensetzen. Ein Interview mit Johanna Kusch von Germanwatch, wo die Aktivitäten des Projekts für den deutschsprachigen Raum koordiniert werden.

Frau Kusch, es gibt fairen Kaffee und genossenschaftlich produzierte Fahrräder, sanften Tourismus und grünen Strom – warum kann man eigentlich noch kein ethisch vertretbares Smartphone kaufen?

Das ist eine sehr gute Frage! Dass es noch keine fairen Handys gibt, hat mehrere Gründe:

Zum einen liegt es an den Handy-Herstellern und Mobilfunkanbietern selbst. Die hätten mit der fairen Produktion natürlich einen erheblichen Mehraufwand. Sie müssten Verantwortung übernehmen für die sozialen und ökologischen Faktoren bei Entwicklung, Produktion und Entsorgung der Geräte. Sie müssten arbeitnehmerfreundlicher und nachhaltiger produzieren. Sie müssten auf Teile Ihres Gewinns verzichten.

Aber auch wir, die Handykäufer und -nutzerInnen, tragen eine Mitverantwortung dafür, dass es bisher kein faires Handy gibt. Zwar kaufen viele Menschen inzwischen Bio-Lebensmittel ein oder achten auf Fair-Trade-Siegel bei der Kleidung, aber beim Kauf eines Handys legen wir weiterhin mehr Wert auf eine hohe Performance oder Service-Qualität als auf faire Herstellungsbedingungen. Dies wird von den Unternehmen übrigens durch ihre Werbung, die ausschließlich auf die Leistungsfähigkeit und den Preis des Handys abzielt, unterstützt. Es fehlt auch an öffentlichem Druck, der die Branche zum Umdenken bewegen könnte.

Last but not least muss auch in der Politik dringend mehr geschehen, um ein faires Handy auf den Markt zu bringen: weder auf EU-Ebene noch im deutschen Recht gibt es Regelungen, die Hersteller dazu verpflichten, Handys nachhaltig zu produzieren und das entsprechende Bewusstsein an ihre Kunden weiterzugeben. Hier braucht es neben freiwilligen Maßnahmen der Unternehmen gesetzliche Regelungen, die für alle Unternehmen der Branche gelten.

Eine junge Frau aus Bayern bietet seit kurzem eine faire Maus an , und das korrekte Telefon ist dank des niederländischen Start-Ups FairPhone immerhin schon in Planung. Gibt es da noch mehr interessante Projekte? Und wie stehen die Chancen, einen größeren Hersteller zu überzeugen?

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Diese beiden Projekte sind in der Tat sehr wertvoll, weil sie erste Schritte in Richtung faire IT sind. Leider sind sie die bisher einzigen Projekte ihrer Art, gestemmt von einer kleinen Gruppe von Aktivisten. Die (fast) faire Maus wird von einer Alleinunternehmerin hergestellt, die die Maus noch selbst verpackt. Sie wurde übrigens u.a. durch makeITfair auf das Thema aufmerksam, wir stehen in gutem Kontakt.

Das FairPhone wird ebenfalls von einer recht kleinen Gruppe engagierter Menschen geplant, die auch noch viele Probleme hin zum wirklich fairen Handy lösen müssen: Stichwort „Arbeitsbedingungen in der Lieferkette“. Die tatsächliche Produktion müsste zudem durch einen „großen“ Hersteller erfolgen, der aber, soweit ich weiß, bisher noch nicht gefunden wurde.

Dass sich die Marktführer in naher Zukunft zu einer Massenproduktion bewegen lassen, ist eher unwahrscheinlich. Dazu fehlt bisher der große Absatzmarkt und das Interesse der Kunden.

Greifen wir mal das Stichwort „Arbeitsbedingungen in der Lieferkette“ auf. Zulieferer wie Foxconn, die praktisch für alle großen Firmen produzieren oder produziert haben, gerieten in den letzten Jahren mit z.T. grausigen Meldungen in die Schlagzeilen, die ihre Wirkung sicher nicht verfehlt haben. Inwieweit war Ihre Initiative hier an Aufklärungsarbeit beteiligt bzw. an der Sensibilisierung von Unternehmern, Konsumenten und Politikern?

Eine Reihe von Selbstmorden sowie zahlreiche Vergiftungsfälle haben Apple massiv unter Druck gesetzt. makeITfair hat zusammen mit dem internationalen Netzwerk GoodElectronics und der chinesischen Arbeitsrechtsorganisation SACOM maßgeblich an der Aufarbeitung der schlechten Arbeitsbedingungen in den Foxconn- und Wintek-Werken mitgewirkt. Um die Öffentlichkeit wachzurütteln und um den Druck auf Apple zu erhöhen, die Arbeitsbedingungen in der Lieferkette zu verbessern, wurde ein internationaler Aktionstag ausgerufen: „Time to bite into a fair Apple“. In zahlreichen europäischen Städten, aber auch an den Produktionsorten in Mexiko und Taiwan sowie in Hong Kong fanden Aktionen statt, begleitet auf Twitter und Facebook.

Zugleich hat sich makeItfair auch direkt mit in einem Brief an Apple gewandt und darin u.a. fairere Arbeitsbedingungen, eine transparente Lieferkette und Zusammenarbeit mit Arbeitsrechtsorganisationen vor Ort gefordert. Der sonst sehr kontaktscheue Konzern lud zum Gespräch. Mittlerweile hat Apple eine Liste seiner direkten Zulieferer veröffentlicht und ist der Fair Labour Association (FLA), einer US-amerikanischen Organisation zum Schutz von Arbeitsrechten, beigetreten.

FLA hat Foxconn daraufhin unter die Lupe genommen. Ergebnis: Exzessive und unbezahlte Überstunden, Probleme bei der Arbeitssicherheit und Gesundheitsrisiken, Löhne unterhalb des Existenzminimums und vieles mehr. FLA hat von Apple Maßnahmen gefordert. Bis Juli 2013 will Foxconn die FLA-Vorgaben nun umsetzen, was wir mit Spannung verfolgen…

Das tun wir ebenfalls. Es scheint, als gäbe es noch eine Menge zu tun… Wir haben jetzt viel über die Firmen gesprochen, die Smartphone-Bauteile herstellen bzw. das fertige Gadget verkaufen und vertreiben. Probleme treten aber schon viel früher an anderer Stelle auf, Stichwort: Conflict Minerals. Wie sieht es in diesem Bereich aus mit Aufklärung und Aktivismus?

Auch hier ist makeITfair mit Studien und Briefen an die großen Elektronikhersteller aktiv. makeITfair hat kritische VerbraucherInnen dazu motivieren können, sich an die großen Unternehmen zu wenden. Dies hat dazu geführt, dass ein Großteil der Hersteller und die beiden Unternehmensverbände Electronic Industry Citizenship Coalition (EICC) und Global e-Sustainability Initiative (GeSI) ihre Verantwortung für eine faire Rohstoffgewinnung anerkannt haben und eine eigene Studie hierzu in Auftrag gegeben haben. Diese bestätigte die Ergebnisse von makeITfair: Die IT-Industrie verwendet eine bedeutsame Menge verschiedener Metalle und hat Einfluss auf die Sozial- und Umweltstandrads beim Abbau. EICC und GeSI arbeiten seither an einem Transparenzmodell, um die Rohstoffkette aufzudecken.

Und dann wäre da noch die (schlechte) Umweltverträglichkeit von iPhone, Samsung Galaxy & Co…

Ja, die Herstellung von Handys hat nicht nur nachteilige Auswirkungen auf soziale Belange, sondern führt auch zu erheblicher Umweltzerstörung. Alte Zinngruben bilden giftige Kraterlandschaften in Indonesien, übrigens der zweitgrößte Zinnproduzent der Welt. In der Nähe von Fabriken, in denen Leiterplatten bestückt oder Computerchips hergestellt werden, sind Böden und Grundwasser mit Blei, Nickel und Rückständen von Lösungsmitteln verseucht. Gleiches geschieht durch das unsachgemäße Recycling von Elektroschrott, der oft illegal in Entwicklungs- und Schwellenländer exportiert wird.

Können Sie unseren Lesern abschließend noch eine konkrete Handlungsempfehlung geben – auf dass der Smartphonemarkt bzw. schlussendlich die gesamte IT-Branche fairer und grüner werde?

Vorbildlich wäre es natürlich, nur faire und grüne IT zu kaufen, z.B. die bereits erwähnte Maus und das FairPhone. Damit es solche Produkte bald flächendeckend geben kann, ist es wichtig, bei Herstellern und Händlern den Wunsch nach fairer, nachhaltiger Produktion klar zu äußern. Noch wichtiger ist es aber, Geräte so lange wie möglich zu nutzen. Und wenn sie doch ausgetauscht werden müssen, dann wenigstens vernünftig recyceln.

Liebe Frau Kusch, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Vielen Dank meinerseits.

Wenn Sie Germanwatch und das Projekt makeITfair unterstützen möchten, können Sie hier aktiv werden.

3 Kommentare zu “Die dunkle Seite der Gadget-Gesellschaft oder: Wie Smartphones (endlich) grüner und fairer werden könnten”

  1. […] oreillyblog haben wir immer mal wieder über Crowdfunding-Projekte berichtet, zuletzt zum Beispiel über das Fairphone – das jetzt auch wirklich produziert […]

  2. […] Eine weitere wichtige Diskussion galt 2013 den problematischen Produktionsbedingungen im IT-Hardwarebereich. Im März interviewten wir dazu eine NGO-Aktivistin und bloggten unter dem Titel: Die dunkle Seite der Gadget-Gesellschaft oder: Wie Smartphones (endlich) grüner und fairer werden k…  […]

  3. […] Man darf nicht vergessen: Hier ist eine kleine Truppe von Idealisten mit bescheidenen Mitteln auf einem hart umkämpften sowie an vielen Stellen intransparenten Markt gegen Branchenriesen mit gigantischen PR-Budgets angetreten. Ich finde, die von Amsterdam aus operierende Fairphone-Crew hat einen ziemlich guten Job gemacht. Und ein kleines bisschen die Welt gerettet. […]

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