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Kalte Pizza muss man nicht mögen

29.05.2009 ·Autor: · Veröffentlicht in Frauen in der IT

Wir freuen uns über das Interesse an unserer Reihe „Frauen in der IT“, gerade auch über die zahlreichen Kommentare zum letzten Artikel und machen umso motivierter weiter. Wie schon in ihrem ersten Beitrag nimmt sich hier Frau Martina Diel einen weit verbreiteten Mythos vor und sagt, wie es wirklich ist. 😉

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Der Mythos:
Der Programmierer, der bei kalter Pizza und abgestandener Cola stundenlang seinen Source Code immer wieder kompiliert und kompiliert, weil der versteckte Bug sich    einfach nicht finden lässt und das Release morgen raus soll.

Der Systemadministrator, der an einem Sonntagmorgen um 4 Uhr vom Bereitschafts-Handy geweckt wird und mit rotgeränderten Augen ins Rechenzentrum schlurft, um den abgeschmierten Server wieder zu starten (das Remote-Login via SSH funktioniert leider nicht)

Der Datenbank-Administrator, der noch um 23 Uhr SQLs absendet, um auf seinen Produktionstabellen wieder für Ordnung zu sorgen, die es irgendwie zerschossen hat, als die USV nicht funktionierte, als sie es hätte sollen.

Also 150% Einsatz rund um die Uhr  – als Frau hat man da schlechte Karten, spätestens wenn man irgendwann mal auch eine Familie haben will. Und Teilzeit arbeiten geht schon gar nicht, solche Arbeiten lassen sich nicht aufteilen.

Die Realität:
Programmierer haben Gleitzeit wie ihre Kollegen in anderen Abteilungen – jedenfalls in Unternehmen, in denen Überstunden bezahlt werden – und wer sich in seinen Code verliert, der tut meist das aus Leidenschaft – und schreibt die Stunden natürlich auf.  Projektendtermine werden immer geschoben, und meist liegt es nicht an einer einzelnen Person, wenn der D-Day nicht gehalten wird – die Gefahr, allein als Sündenbock herhalten zu müssen, ist also gering.

Mancher Systemadministrator meldet sich freiwillig für Bereitschaftseinsätze, weil er dafür, dass selten was passiert, ganz schön gut entlohnt wird.

Und der DBA schließlich … okay, den kann es durchaus mal so treffen, wenn sich böse Umstände verketten, das will ich gar nicht leugnen. Aber DBA muss man ja auch nicht werden – es gibt genug andere Jobs in der IT, die Auswahl ist da so vielfältig wie in anderen Branchen auch. Sie können Projektmanagerin sein bei einem Energieversorger oder Softwarearchitektin in einem internationalen Konzern, oder Support-Mitarbeiterin bei einem Hersteller von Chemie-Datenbanken-Software oder Teamleiterin in einem Beratungshaus, oder oder oder…

Es gibt also keinen Grund, vor einem Job in der Informatik zurückzuschrecken, bloß weil man einen langen Abend auf dem Sofa mit einem  Glas Wein und dem Lieblings-Douglas-Adams-Band zu schätzen weiß oder an einem Samstagabend lieber auf der Tanzfläche (oder auch daheim bei einem verschnupften Fünfjährigen) verbringt als im Serverraum im doppelten Boden.

Viele War Stories von Nachteinsätzen, genial-kryptischen Perl-Scripten und abgerauchten Servern haben vor allem eine Funktion: die Zuhörer davon zu überzeugen, dass der Erzähler a) extrem wichtig und b) der Guru schlechthin ist, ohne den nichts ginge, ob tags, ob nachts und c) mit diesen Geschichten einfach Spaß zu haben.
Wenn Sie diese Art Folklore nicht zu ernst nehmen und dem Perfektionismus abschwören, der Sie Dinge sagen lässt wie „Wenn ich’s nicht mache, dann macht’s ja keiner“, dann steht einem einigermaßen geregelten Arbeitsalltag nichts im Wege.

Und die Zeit arbeitet sowieso für uns Frauen: Spätestens ab 2012 wird der Fachkräftemangel – zur Zeit von vielen noch als nicht existent belächelt – spürbar zuschlagen, und dann werden auch die Arbeitsbedingungen hoffentlich noch stärker an den Bedürfnissen der Arbeitnehmer/innen ausgerichtet, als das heute der Fall ist. Männer gewöhnen sich gerade schon an die Elternzeit – wer weiß, vielleicht wird das Thema von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie schon bald vom Frauen- zum Elternthema.  (Und man braucht noch nicht mal Kinder zu haben, um die Existenz von Freizeit zu schätzen. )

Über die Autorin:
Martina Diel hat vor fast zwei Jahrzehnten ein Romanistik-Studium absolviert, sich aber dann ganz neu orientiert und viele Jahre erfolgreich als Consultant, Projektmanager und Key Account Manager in der IT-Beratung gearbeitet. Seit 2005 bietet sie zusätzlich Berufs- und Bewerbungscoaching für all jene an, die in der IT-Branche tätig sind oder es werden wollen, und ist parallel weiter im Management von IT-Projekten tätig. Da sie selbst erfolgreich eine berufliche Umorientierung mit allen Hürden, aber auch großem persönlichen Gewinn vollzogen hat, kann sie andere besonders gut bei einer beruflichen Neuausrichtung unterstützen.
Für O’Reilly hat sie das IT-Karrierehandbuch verfasst.

11 Kommentare zu “Kalte Pizza muss man nicht mögen”

  1. […] did it again Ich sach noch…. – und schon ist es wieder geschehen: Warum man kalte Pizza nicht m

  2. Hans-Wilhelm sagt:

    Also Sorry, aber die Behauptungen im Artikel kann ich so nicht stehen lassen. Mag ja sein, daß Frau Diel sich es nicht vorstellen kann oder nie den entsprechenden Einblick hatte, aber der angebliche Mythos ist oft genug Realität und die entsprechenden Geschichten keine Prahlerei sondern schlicht erlebter Fakt.

    Natürlich muß man sich deswegen trotzdem nicht von der IT abschrecken lassen und es gibt tatsächlich solche Schreibtischhengst Jobs bei denen 9 to 5 Realität ist. Aber deswegen zu leugnen, daß es auch die anderen Jobs gibt die so sind wie eingangs beschrieben ist einfach lächerlich.

  3. Dass Sie Menschen mit geregelter Arbeitszeit „Schreibtischhengste“ nennen, bestätigt meine Position. 🙂

  4. Christian Stauffer sagt:

    Dass sich Ihre Position so einfach bestätigen lässt, bestätigt die Kritik.
    Schön wenn man Vorurteile durch Vorurteile zu widerlegen versucht, allein es wirkt etwas lächerlich.

  5. anonymous sagt:

    Sehr geehrte Frau Diel,

    „Mancher Systemadministrator meldet sich freiwillig für Bereitschaftseinsätze, weil er dafür, dass selten was passiert, ganz schön gut entlohnt wird.“

    Wer bitte sorgt denn dafür, „dass selten was passiert“.

    Der Artikel ist an Realitätsferne kaum zu überbieten.

  6. Der Beitrag klingt für mich wie „Was ich nicht kenne, gibt es auch nicht“. Ganz bestimmt wird in IT-Kreisen viel Folklore verbreitet. Aber ich könnte aus meiner selbst erlebten Praxis problemlos dutzende wahre „War Stories von Nachteinsätzen, genial-kryptischen Perl-Scripten und abgerauchten Servern“ zum Besten geben.

    Gerade jemand der selbst in der IT tätig ist sollte doch gut genug wissen, daß es „die IT“ nicht gibt, sondern es sich um ein extrem vielschichtiges und weites Arbeitsfeld handelt. In diesem gibt es Jobs deren Umstände die hier angesprochene Zielgruppe abschrecken mögen, aber es gibt auch andere. Das Ziel Hemmschwellen abzubauen ist ja schön, aber dann doch bitte dadurch, auf die Existenz sozialverträglicher Arbeitsumfelder hinzuweisen und nicht fälschlich die Existenz anderer zu bestreiten. Durch das Verbreiten von Unwahrheiten kann man nur seine Glaubwürdigkeit verlieren.

    Wir regen uns alle auf, wenn wir als ITler über einen Kamm geschoren werden und unsere Verwandten, Freunde, Bekannte nicht begreifen können, daß wir zwar „was mit Computern“ machen, aber trotzdem nicht ihr Windows reparieren können. Dann sollten wir aber auch nicht selber zu unzulässigen Verallgemeinerungen greifen.

  7. @Christian Stauffer: ich bin gerne bereit, darzulegen, woher meine angeblichen „Vorurteile“ stammen – wenn Sie das das auch sind, nur zu.

  8. Ich verstehe den Artikel von Frau Diel so, dass es ihr nicht darum geht, das Engagement oder die Arbeitsbelastung von ITlern in bestimmten Positionen herabzuwürdigen. Zum Beispiel mit dem Sysadmin: Wie sagt ein Freund unseres Verlagsbüros so schön: Gute Systemadministration merkt man nicht. Und natürlich passiert während des Bereitsschaftdienstes nur dann nichts, wenn die Systeme (vom Sysadmin) mit Verstand eingerichtet und ordentlich gewartet sind. Das bestreitet niemand. Viele Systemadministratoren und Programmierer leben ihren Beruf und das ist auch gut so.

    Die zentrale Aussage von Frau Diel ist aber doch die: Die IT-Branche ist vielfältig und es gibt viele Jobs, bei denen Zeit für ein privates Leben bleibt.

    Wer einen besonders fordernden Programmier- oder Admin-Job hat und hier mal einen ausführlicheren Artikel dazu schreiben möchte, nur zu.

  9. Lieber kju,

    schön, dich hier zu lesen. 🙂

    Du schreibst u.a.

    > Der Beitrag klingt für mich wie “Was ich nicht kenne, gibt es auch nicht”.

    Ich kenne das durchaus – weiß aber auch, wie man das Ganze üblicherweise halbwegs in den Griff kriegen kann und dass bestimmte Dinge nicht unausweichlich sind, wenn man nicht selbst seinen Teil dazu beiträgt.

    > Ganz bestimmt wird in IT-Kreisen viel Folklore verbreitet.

    Nichts anderes schreibe ich.

    > Aber ich könnte aus meiner selbst erlebten Praxis problemlos dutzende
    > wahre “War Stories von Nachteinsätzen, genial-kryptischen Perl-Scripten
    > und abgerauchten Servern” zum Besten geben.

    Unstrittig.

    > Gerade jemand der selbst in der IT tätig ist sollte doch gut genug wissen,
    > daß es “die IT” nicht gibt, sondern es sich um ein extrem vielschichtiges
    > und weites Arbeitsfeld handelt.

    Richtig. Genau deshalb steht da: „es gibt genug andere Jobs in der IT, die Auswahl ist da so vielfältig wie in anderen Branchen auch.“

    > In diesem gibt es Jobs deren Umstände die hier angesprochene Zielgruppe
    > abschrecken mögen, aber es gibt auch andere.

    Meine Rede.

    > Das Ziel Hemmschwellen abzubauen ist ja schön, aber dann doch bitte
    > dadurch, auf die Existenz sozialverträglicher Arbeitsumfelder hinzuweisen
    > und nicht fälschlich die Existenz anderer zu bestreiten.

    Lies doch nochmal nach: ich bestreite die Existenz nicht. Ich relativiere.

    > Durch das Verbreiten von Unwahrheiten kann man nur seine
    > Glaubwürdigkeit verlieren.

    Wie gut, dass ich keine verbreite – oder wen meinst du damit?

    > Dann sollten wir aber auch nicht selber zu unzulässigen
    > Verallgemeinerungen greifen.

    Auch das tue ich nicht – hast du all die vielen „meist“, „viele“, „mancher“, „einigermaßen“ gelesen? Noch mehr differenzieren ist wohl kaum möglich, oder?

  10. Guten Tag, Herr oder Frau anonymous,

    ich finde es ja etwas fragwürdig, nicht mit seinem Namen zu seiner Meinung zu stehen. Trotzdem will ich auf Ihren Beitrag eingehen:

    Sie schreiben in Antwort auf meinen Hinweis, dass in Bereitschaftsschichten oft nicht allzuviel Alarme auftreten:

    > Wer bitte sorgt denn dafür, “dass selten was passiert”.

    Leute, die proaktiv arbeiten und Probleme lösen, bevor sie akut werden.
    Möglicherweise der Sysadmin selbst oder seine Kollegen.
    Je eher sie das beherzigen, desto weniger Notfalleinsätze.

    Genau das ist meine Aussage: Feuerwehreinsätze sind kein unausweichliches Schicksal eines jeden ITlers, man kann meist etwas tun, um sie zu minimieren, wenn man denn will.

    Schönes Wochenende wünscht

    Martina Diel

  11. Das hängt im wesentlichen auch von dem Job; d.h. dem Verantwortungsbereich ab, welchen Einsatz Du bringen musst. Ab einer bestimmten Ebene kannst Du es Dir einfach nicht mehr erlauben nach Arbeitsende nach Hause zu gehen, wenn etwas noch nicht läuft. Das ist aber in der IT nicht anders, als in jedem anderen Beruf.

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